Lohr a. Main (Unterfranken)

Brauerei Stumpf - 1836 bis 2011

Ludwigstraße 3
97816 Lohr a. Main

Die Traditionsbrauerei war von der Gründung im Jahre 1878 bis Februar 2001 Eigentum der Familie Stumpf, im März 2001 übernahm die Würzburger Hofbräu GmbH die Mehrheitsbeteiligung an der Brauerei (gebraut wurde in Lohr, abgefüllt in Würzburg). Die Würzburger wurden wiederum im Oktober 2004 von der Kulmbacher Gruppe der BHI (Brau Holding International GmbH & Co. KGaA) übernommen.

Anfang des Jahres 2012 lief der Mietvertrag für das Brauereigelände zwischen den Würzburgern und der Eigentümerfamilie Stumpf aus. Die Familie beabsichtigt einen Großteil des Geländes an einen privaten Investor zu verkaufen. Die Würzburger Hofbräu GmbH behält nur die ehemalige Brauereigaststätte (verpachtet) und baut das Bräustüble zu einer Gasthausbrauerei mit 250 Sitzplätzen um. So wird zumindest die Tradition des Bierbrauens in Lohr am Main, dem Tor zum Spessart, aufrecht erhalten.

Historisches

Der 1781 in Schaippach geborene Franz Johann Vogt erhielt von seinem Schwiegervater aus zweiter Ehe Haus und Gastwirtschaftskonzession für das Anwesen Hauptstraße 9 (jetzt 7) in Lohr. Sein Sohn Stephan, geb. 1812, erlernte in Giebelstadt das Brauerhandwerk. Johann kaufte noch ein Nachbargrundstück, um darauf für seinen Sohn eine Brauerei zu errichten. Zu dieser Zeit hatte er bereits eine kleine Hausbrauerei in Betrieb.

1836 fertigte Sebastian Schönmann einen Bauplan für ein „Brauhaus des Stephan Vogt“. So kann man dieses Jahr als Gründungsjahr der späteren Brauerei Stumpf bezeichnen. Es ist allerdings nicht ganz klar, ob das Brauereigebäude auf dem ursprünglichen Anwesen zur Ausführung kam oder möglicherweise schon auf dem heutigen Brauereigelände Stumpf. Jedenfalls ist im ältesten Katasterplan von 1846 auf diesem Areal bereits ein Brauhaus mit Braukeller eingetragen. Stephan Vogt beantragte 1836 das Bürgerrecht und die Konzession für die „Gaß- und Schildwirtschaft Traube“. Er war viermal verheiratet und hatte aus dritter Ehe nur den einen Sohn Franz Joseph, der aber bereits 1875 verstarb. Dies war wohl der Grund 1878 für ihn seine Brauerei an Pleikard Stumpf zu verkaufen. Die Gaststätte führte er aber weiter und überließ sie 1889 seinem Bruder Adolf, der sie 1890 an Stumpf veräußerte. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass in einem Stadtplan von 1868 bereits ein Brauereianwesen mit Brauhaus und Fasshalle, sowie ein Wirtschaftsgarten mit Kegelbahn und Schankhalle verzeichnet sind.

Die Liebe des jungen Pleikard Stumpf zu der hübschen Betty Blum aus Lohr war vermutlich der Anlass zum Erwerb dieser Brauerei. Denn ursprünglich hatte das „schwarze Schaf“ der Beamtenfamilie Stumpf ganz andere Pläne. Nach abgeschlossener Berufsausbildung als Braumeister wanderte er nach Amerika aus, um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sein Glück zu finden. Zuerst war er in einer Großbrauerei in Milwaukee tätig. Später erwarb er Eigentum in Salt Lake City und braute dort Bier für die Mormonen. Während eines Urlaubaufenthaltes bei seiner Familie in Lohr verliebte er sich in Betty Blum und wollte sie mit nach drüben nehmen. Doch die gestrengen Eltern von Betty ließen das nicht zu. So kehrte er alleine wieder nach Amerika zurück. Er steckte voller Pläne und trug sich sogar mit dem Gedanken nach Australien auszuwandern. Das Lohrer Mädchen ging ihm aber nicht aus dem Kopf. Als ihm eines Tages seine Familie schrieb, dass in Lohr eine Brauerei zu kaufen und Betty Blum noch zu haben sei, ließ er alle Pläne fallen, verkaufte seinen Betrieb in Salt Lake City und kehrte 28-jährig nach Deutschland zurück. Er setzte sich sofort mit Stephan Vogt, der seine Brauerei verkaufen wollte, in Verbindung. Bald war man sich handelseinig und am 28. Mai 1878 erwarb er dessen Betrieb. Es war eine von damals fünf in Lohr existierenden Brauereien. Mit der Kaufurkunde in der Hand begab er sich zu Vater Blum und konnte nun endlich seine heißgeliebte Betty heiraten.

Pleikard Stumpf war ein sehr rühriger und unternehmerischer Mann. Dafür spricht schon die Entwicklung der Ausstoßzahlen. Als er die Brauerei übernahm, waren es knapp 1.400 hl, die mit acht Mitarbeitern gebraut und in 14 Wirtschaften abgesetzt wurden. 1914 waren es schon fast 8.000 hl. Das Winterbier kostete 1878 13 Mark/hl, das Sommerbier 15 Mark. Mit viel Fachwissen und großem Fleiß vergrößerte und modernisierte er den Betrieb. U.a. baute er Natureiskeller, Schwankhalle und Stallungen und erweiterte den Kundenstamm. Schon 1880 wurde das Bräustüble umgebaut und vergrößert. Das Schankrecht besaß bereits der Vorbesitzer Vogt seit 1838.

Pleikard Stumpf war 1880 auch Gründungsmitglied des Bayerischen Brauerbundes. Nebenbei war er ein großer Tüftler. So erhielt er 1895 vom Kaiserlichen Patentamt das Reichspatent für eine „Vorrichtung zum Entspunden von Fässern“. 1897 kaufte er den „Postgarten“ und errichtete dort eine Mälzerei, die bis 1967 in Betrieb war und 1979 im Rahmen der Altstadtsanierung städtischen Anlagen weichen musste.

1905 erfolgte der Neubau eines größeren Sudhauses, das trotz beträchtlicher Expansion bis 1959 allen Anforderungen genügte. Pleikard Stumpf verstarb 1920 70-jährig. Sein ältester Sohn Alfred Stumpf sen., der durch eine gediegene Ausbildung sowohl im technischen als auch im kaufmännischen Bereich für seine zukünftige Aufgabe sehr gut vorbereitet war, führte die Brauerei mit Umsicht und Geschick durch die schwierige Nachkriegszeit und die Weltwirtschaftskrise. 1925 entstanden ein neuer Gär- und Lagerkeller, sowie Picherei, Küferei und Trebertrocknungsanlage. Weitere umfangreiche Investitionen in den 30-er Jahren betrafen vor allem ein neues Maschinen- und Kesselhaus mit moderner Dampfkessel- und Kunsteiserzeugungsanlage. 1939 wurde ein bis dahin nicht erreichter Ausstoß erzielt. Erst 1948 ging es nach der Währungsreform wieder aufwärts, nachdem man nach Kriegsende noch einen Treuhänder verkraften musste. Ab 1949 konnte dann wieder in Vorkriegsqualität produziert werden.

Mitten in der damit verbundenen Aufwärtsentwicklung verstarb 1949 Alfred Stumpf. Er hinterließ den Betrieb seiner Frau Elfriede mit den Kindern Alfred und Hildegard. Dank treuer Mitarbeiter konnte sie das Unternehmen weiterführen, bis ihr Sohn Alfred 1955 in die Geschäftsführung eintrat, der, ebenfalls gründlich ausgebildet, eine steile Aufwärtsentwicklung einleitete. In den folgenden drei Jahrzehnten entstand praktisch eine völlig neue Brauerei, die durch ihre Silhouette das Stadtbild heute noch prägt. Auch das Bräustüble wurde komplett neu errichtet. Bemerkenswert ist dabei, dass von 1880 bis 1958, also 78 Jahre lang, der Braumeister Sebastian Wolz und sein Sohn diese Gaststätte führten.

Nach langer, schwerer Krankheit verstarb 1974 die Seniorchefin Elfriede Stumpf. Inhaber des Unternehmens waren nun Alfred Stumpf jr. als alleiniger Komplementär und Geschäftsführer, sowie seine Schwester Hildegard Rynne.

Zum 100-jährigen Jubiläum konnte Alfred Stumpf mit Stolz vermerken, dass der Ausstoß sich seit 1948 versechsfacht hatte. Die Produktionsleistung betrug zu dieser Zeit beachtliche 1.350 hl. pro Mitarbeiter. Der Fuhrpark umfasste 16 Fahrzeuge. Das Absatzgebiet erstreckte sich über Unterfranken, die angrenzenden Landkreise in Baden-Württemberg und Hessen, sowie das Rhein-Maingebiet mit den Städten Wiesbaden, Mainz, Bingen, Worms Ludwigshafen, Heidelberg u.a. Die 1982 erfolgte Markteinführung des Hefeweißbiers in der nostalgischen Bügelverschlussflasche entwickelte sich zum Motor einer weiteren positiven Ausstoßentwicklung. Entsprechende Erweiterungsinvestitionen waren notwendig. Erst 56-jährig starb 1985 Alfred Stumpf, der sich, wie sein Vater, in vielen Ehrenämtern sowohl auf kommunaler Ebene wie auch in Verbands- und Wirtschaftspolitik stark engagiert hatte. Nur drei Jahre später verschied auch seine Schwester Hildegard Rynne. Alleinige Gesellschafterinnen waren nun Alfred Stumpfs Witwe Petra und Tochter Daniela. Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, musste man weiterhin laufend investieren. Dabei kam dem Bau eines neuen Logistikzentrums im Industriegebiet Lohr – Süd mit einem Volumen von 4 Mio DM besondere Bedeutung zu. Es wurde Ende Oktober 1998 in Betrieb genommen.

Am 1. März 2001 kam für viele überraschend die Mehrheitsbeteiligung der Würzburger Hofbräu AG an dem Lohrer Traditionsbetrieb. Gebraut wurde weiterhin in Lohr, abgefüllt in Würzburg. Die Würzburger Hofbräu wurden wiederum im Oktober 2004 von der Kulmbacher Gruppe der BHI (Brau Holding International GmbH & Co. KGaA) übernommen.

Ende 2011 wurde der Braubetrieb in Lohr endgültig eingestellt. 2012 eröffnete in den Räumen der ehemaligen Brauereigaststätte eine Gasthausbrauerei ==> Brauhaus keiler GmbH . So wird zumindest die Tradition des Bierbrauens in Lohr am Main, dem Tor zum Spessart, aufrechterhalten.
Quelle: www.faust.de